06.06.2006
Das hoch auflösende Fernsehen ist bereits in Europa angekommen, die möglichen High-Tech-Nachfolger der DVD gehen bald an den Start. Längst ist auch der Kampf um Marktanteile zwischen Blu-ray-Disk und HD-DVD in vollem Gange. Trotz des Streits um das Format: Die Branche verspricht sich Wachstum.
Die Unterhaltungselektronik wird derzeit klar von einem Thema dominiert: dem Fernsehen in hoher Auflösung, neudeutsch "High Definition TV" oder kurz HDTV. Seit dem 3. Dezember 2005 bietet der Bezahlsender Premiere auf drei Kanälen Sport-, Spielfilm- und Doku-Programme in HD – gegen Aufpreis, versteht sich. Aber hohe Auflösung gibt’s zumindest sporadisch schon seit dem vergangenen Oktober auch im Free-TV, nämlich bei Sat1 und Pro7. Kurz, das viel beschworene Fernsehen der Zukunft ist eigentlich längst in der Gegenwart angekommen, auch wenn es im System noch leichte technische Kinderkrankheiten gibt und sich das Gefühl einer TV-Revolution bislang nicht wirklich breit gemacht hat.
Der Qualitätsgewinn durch HD ist jedenfalls tatsächlich enorm, obwohl er sich an bloßen Zahlen eben gar nicht festmachen lässt. Im Gegensatz zur Standard-Auflösung in PAL mit 768 x 576 Bildpunkten arbeitet High-Definition mit maximal 1920 x 1080 Pixeln – und entspricht damit, oberflächlich betrachtet, gerade mal den Fähigkeiten einer Zwei-Megapixel-Kamera. Dass es hier dennoch möglich ist, absolut scharfe Bilder von mehreren Metern Größe darzustellen, liegt an der gewaltigen Informationsdichte, mit der das Bewegtbild in der HD-Welt transportiert wird. Überhaupt darf man die knapp fünffach höhere Schärfe eher als schönen Nebeneffekt der neuen Technik mitnehmen. Denn Sinn und Zweck von HDTV liegen darin, bei gleichem Abstand zum Bildschirm weitaus größere Bilder als bisher sehen zu können. Ein Umstand übrigens, der auch die bislang gewohnte Bild-Regie erheblich verändern wird.
Ginge es dabei allerdings wirklich nur ums klassische Pantoffel-Kino, bliebe HD sicher noch auf Jahre eine Sache der Spezialisten und Enthusiasten. Also all jener, die als Technik-Freaks und Fußball-Fans gern bereit sind, fürs kurzweilige Erlebnis deutlich tiefer in die Tasche zu greifen, um sich den "HD-ready"-Fernseher samt HDTV-Receiver ins Wohnzimmer zu stellen.
Die hohe Auflösung bringt aber auch so durchaus Vorteile: HD-taugliche Empfangsgeräte und zunehmend mehr DVD-Player sind nämlich in der Lage, Signale in Standard-Auflösung auf die fünffach höhere umzurechnen. Dadurch entstehen zwar keine neuen Informationen und zusätzlichen Details, doch können solche Interpolationen die Bildqualität in ihrer Wirkung durchaus heben. Außerdem stellt der HD-Fernseher natürlich auch Digital-Fotos entschieden besser dar und ist obendrein der passende Partner für Hobby-Filmer und Gamer, für die ja ebenfalls die Zeiten der Hochauflösung angebrochen sind.
Den wirklich großen Schub verspricht sich die Branche freilich vom künftigen Nachfolger der DVD, sei es nun die Blu-ray-Disk, die HD-DVD – oder eben beide. Nach einer überlangen Ankündigungsphase, in der es nur noch darum ging, welche Filmfirma gerade mit welchem der beiden konkurrierenden Formate liebäugelt, ist nun plötzlich richtig Tempo in die Geschichte gekommen. In Japan und den USA hat die Firma Toshiba die ersten HD-DVD-Player auf den Markt gebracht, die ersten Kinofilme in hoher Auflösung sind verfügbar, und die Nachfrage ist gewaltig. Hierzulande dürften entsprechende Geräte und Scheiben noch pünktlich zum Weihnachtsgeschäft verfügbar sein, so der momentane Stand.
Für die enorme Resonanz auf die HD-Disk gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen hat Toshiba seine beiden bislang verfügbaren Modelle zu absoluten Kampfpreisen herausgebracht, um das neue Medium aggressiv durchzusetzen. Zum anderen spricht die Qualität der bisher erschienenen Produktionen einfach für sich: Gab es bis dahin zwar allerlei hübsches und vor allem speziell zu diesem Zweck angefertigtes Demo-Material in HD, ist nun ein direkter Vergleich unter Alltagsbedingungen möglich. Und diese Gegenüberstellung eines Kinostreifens auf Standard- wie HD-Disk macht den potenziellen Kunden endlich ohne große Erklärungen und reichlich Theorie klar, welchen Nutzen ihnen ein HD-Medium wirklich bringt. Die dramatisch höhere Qualität, die geradezu plastische Wirkung der Bilder und deren mögliche imposante Größe machen den Vorteil auf den ersten Blick mehr als deutlich. Dieser reale, sozusagen greifbare Gewinn wird oft mit dem Übergang vom Schwarzweiß- aufs Farbfernsehen vergleichen. Er ist vielleicht sogar höher, weil in diesem Fall einfach mit einem größeren Mehr an Informationen verbunden. Die Bilder werden nicht einfach bunt, sondern so detailreich und tief, wie man es sonst nur aus dem Kino kennt. Gerade auf diesem Feld keimen übrigens auch die weiteren Erwartungen der Unterhaltungselektronik-Branche: dass nämlich zum großen Bild daheim künftig auch der große Ton gehören möge. Den Herstellern von Mehrkanal-Verstärkern und Surround-Boxen wäre ein solcherart vermehrter Trend zum Home-Cinema allemal recht.
Der augenblickliche Format-Streit zwischen HD-DVD und Blu-ray-Disk dürfte die Kunden hingegen weniger interessieren. Beide Systeme unterscheiden sich zwar technisch voneinander, doch davon sind die hoch aufgelösten Inhalte völlig unberührt – die Qualität der Filme ist gleich. Und auch die zusätzlichen künftigen Features der Geräte und Scheiben spielen in der Kaufentscheidung gewiss nicht die Rolle, die ihnen ihre Entwickler in den Labors zutrauen. Interaktivität, Internet-Zugang und Spiele-Fähigkeit stecken hier zum einen noch in den Kinderschuhen, zum anderen sind sie für einen Film-Fan in seinem Heimkino kaum bis gar nicht relevant. Gerade deshalb aber ist der generelle Format-Streit durch das derzeitige Vorpreschen des HD-DVD-Lagers keineswegs entschieden. Der Kampf um Marktanteile steht schließlich im Bereich der Spiele-Konsolen und damit der Generation der maximal Dreißigjährigen erst an: Microsoft setzt für seine Xbox 360 auf HD-DVD, Sony wird die angekündigte Playstation 3 mit Blu-ray aus dem eigenen Lager ausrüsten.
Also bleibt es weiterhin bei Spekulationen. So trumpft zum Beispiel die Blu-ray-Disk zwar mit einer deutlich größeren Speicherkapazität auf, wird in der Herstellung allerdings auch mehr als die HD-DVD kosten. Da mögen die ausgesprochenen Blockbuster dann durchaus auf beiden Formaten erscheinen. Filme jedoch, die weniger hohe Verkaufszahlen erwarten lassen, könnten womöglich in der günstiger zu produzierenden Variante erscheinen – und wären auf dem anderen System nicht abspielbar.
Hinzu kommt die Problematik konkurrierender, untereinander wiederum nicht kompatibler Kopierschutz-Technologien. Mehr noch, in Fragen des Digitalen Rechte-Managements ist zwar rein technisch alles denk- und realisierbar, aber nichts verbindlich geregelt. Ob der Kunde mit dem Kauf einer HD-Disk auch künftig jene Nutzungsrechte erwirbt, die er heute noch gewohnt ist, steht dahin. Denn nichts fürchten Urheber und Rechte-Inhaber mehr als die digitale Kopie.
Um solche Unwägbarkeiten noch zu steigern: Die Filmfirmen könnten sich ihrerseits dazu entschließen, derlei Format-Rangeleien komplett zu entgehen und verstärkt auf neue Vertriebswege zu setzen. Auch der legale Download kompletter Filme über Breitbandkabel und DSL ist längst Realität. Und selbst wenn die in Hochauflösung erforderlichen üppigen Datenmengen fürs private Herunterladen aus dem Web erst mit dem superschnellen VDSL vernünftig handhabbar sein werden, gibt’s natürlich auch dafür bereits computer-basierte Systemlösungen. Da wird der heimische Wohnraum-Server aus einem zentralen Medien-Pool versorgt, der "gekaufte" Film ist in diesem Fall also überhaupt nur noch virtuell vorhanden und an ein personalisiertes Abspielgerät gebunden. Eine Format-Entscheidung erübrigt sich dabei, denn ob nun Blu-ray- oder HD-DVD-Datenstruktur – der jeweils erforderliche Software-Player ist integriert. Obendrein sind Kopie und Verleih dann zum Wohle der Rechte-Inhaber gar nicht mehr möglich.
Selbst in einer solchen Welt ist indes noch hinreichend Platz für Juristen. Beispielsweise in der Frage, ob ein Server-Abruf aus dem Schlaf- statt aus dem Wohnzimmer nicht schon eine (illegale) Verbreitung darstellt. Und da sich ganz locker weitere Spitzfindigkeiten dieser Art auftreiben lassen, mag heute auch niemand wirklich ausschließen, dass es zwar schon sehr bald ganz tolle HD-Videorecorder und Blu-ray-Brenner gibt – mit ihnen aber aus urheberrechtlichen Gründen kaum noch etwas aufgezeichnet werden darf. Auch das ist sozusagen eine Frage der Details.
Quelle: Gastartikel von Uwe Andresen, Chefredakteur VIDEO